Wie man die Impfmüdigkeit besiegt

So ist im Wirtschaftsressort (!) auf faz.net am 13.7. ein Artikel über­schrie­ben (Bezahlschranke), der die gan­ze Ratlosigkeit aus­drückt ange­sichts einer Bevölkerung, die trotz aus­ge­klü­gel­ter Zuckerbrot- und-Peitsche-Strategien über­wie­gend unein­sich­tig bleibt. Schon der Begriff „Impfmüdigkeit“ zeigt das Unvermögen auf zu begrei­fen, was gera­de geschieht. Müde ist man nach einem anstren­gen­den Arbeitstag, nach dem Sport oder wenn man kran­ke Familienangehörige ver­sor­gen muß. Was an der „Impfung“ soll ermü­den? Dabei wer­den in dem Artikel zahl­rei­che Argumente gegen die­sen Vorgang aufgeführt:

»… Jetzt ist es gesche­hen: Am vori­gen Sonntag wur­de so wenig Impfstoff unters Volk gebracht wie zuletzt im Februar.

Die Debatte dar­über kon­zen­trier­te sich zunächst auf Impflinge, die zum ver­ein­bar­ten Termin nicht erschei­nen. Das grö­ße­re Problem indes sind längst die­je­ni­gen, die sich für die Immunisierung gar nicht erst anmel­den. Andere Länder wie die Vereinigten Staaten, die mit ihrer Impfkampagne schnel­ler waren als die Bundesrepublik, ken­nen das Problem schon etwas länger.

Hausärzte sind frustriert

Dass das Impfen sei­nen Zauber ein­ge­büßt hat, lässt sich in die­sen Tagen ganz prak­tisch beob­ach­ten. Zum Beispiel, wenn man in Berlin-Kreuzberg eine Arztpraxis zur Zweitimpfung auf­such­te. Im Frühjahr, beim ers­ten Termin, war das noch etwas ganz Besonderes gewe­sen. Die Leute erschie­nen lan­ge vor der ver­ein­bar­ten Zeit, stell­ten sich – mit Sicherheitsabstand – gedul­dig in einer lan­gen Schlange an und ver­lie­ßen schließ­lich mit einem seli­gen Lächeln die Praxis: Das Ende des trü­ben Dauer-Lockdowns schien nun in greif­ba­re Nähe gerückt.

Diesmal ist alles ganz anders. Ein paar weni­ge Impfwillige ver­lie­ren sich im gar nicht all­zu gro­ßen Warteraum, ver­schwin­den kurz zum rou­ti­niert ver­ab­reich­ten Pieks im Behandlungszimmer, um die Praxis wenig spä­ter mit eher gelang­weil­tem Gesichtsausdruck zu ver­las­sen. Auf Erlösung hofft hier kei­ner mehr

Und das sind ja nur die­je­ni­gen, die sich trotz der ver­brei­te­ten Lustlosigkeit zur Zweitimpfung auf­raf­fen. Fragt man den Arzt, weiß er ganz ande­re Geschichten zu erzäh­len. Von Patienten, die eine Impfung vehe­ment ableh­nen. Die ihn ver­trös­ten, sie wür­den sich das Ganze noch mal über­le­gen, viel­leicht kämen sie ja irgend­wann spä­ter auf das Impfangebot zurück. Die zum ver­ein­bar­ten Termin gar nicht erschei­nen. Auch er hat schon Impfstoff weg­wer­fen müs­sen. Und das bei einer Impfung, bei der das Verhältnis zwi­schen hohem Schutzeffekt und lächer­lich gerin­gen Nebenwirkungen sen­sa­tio­nell güns­tig ist. „Ich dis­ku­tie­re da nicht mehr“, sagt er frus­triert. „Es hat ja eh kei­nen Zweck.“.

Was knapp ist, erscheint attraktiv

Derlei Defätismus wol­len sich vie­le der plötz­lich erwach­ten Politiker nicht leis­ten. Hektisch dis­ku­tie­ren sie nun die unter­schied­lichs­ten Anreizsysteme, die Impfzentren und Arztpraxen mehr Zulauf besche­ren sol­len. Von unmit­tel­ba­rem Zwang ist nicht die Rede, aber viel von Locken und Drohen, von Prämien fürs Impfen und Privilegien für Immunisierte…

Was schwer zu erlan­gen ist, gilt als begeh­rens­wert; wenn ein Produkt an jeder Ecke markt­schreie­risch feil­ge­bo­ten wird, neigt der Konsument dazu, es zu verschmähen…

Hinzu kom­men die Debatten um die Delta-Variante, die den schnel­len Fortschritt der Impfkampagne zwar objek­tiv dring­li­cher machen, den emp­fun­de­nen Nutzen der Impfung sub­jek­tiv aber schmä­lern: Herrschte im Frühjahr noch die Hoffnung vor, mit der Immunisierung die Pandemie ein für alle Mal hin­ter sich zu las­sen, so erwar­ten dem ZDF-Politbarometer zufol­ge inzwi­schen zwei Drittel der Bundesbürger eine vier­te Corona-Welle im Herbst. Auch das erklärt die feh­len­de Heilserwartung in der Arztpraxis.

Jenseits der Konsumenten-Psychologie hat sich aber auch die ganz nüch­ter­ne Kosten-Nutzen-Rechnung für den Einzelnen ver­än­dert. Zunächst ein­mal: Bei den der­zeit nied­ri­gen Inzidenzen trägt der Einzelne nur ein ver­gleichs­wei­se nied­ri­ges Risiko, sich in naher Zukunft mit dem Covid-Erreger zu infizieren…

Impfnachweis bringt kaum noch Vorteile

Sodann: Als die ers­ten zag­haf­ten Öffnungen nach dem Lockdown began­nen, brach­te der Impfnachweis noch gewal­ti­ge Vorteile. Außengastronomie, Einzelhandel, Freibad: Überall muss­ten Ungeimpfte einen tages­ak­tu­el­len Negativtest vor­wei­sen kön­nen, die Immunisierung erspar­te also den täg­li­chen Weg in die Teststation. Inzwischen sind die Restriktionen weit­ge­hend auf­ge­ho­ben, eine Test- oder Impfbescheinigung ist im Alltag fast nur noch für Kultur und Innengastronomie von­nö­ten, bei­des ist wäh­rend der Sommerpause von mäßi­ger Relevanz. Die all­ge­gen­wär­ti­gen Lockerungen tra­gen also ihren Teil zur Impfmüdigkeit bei. Hinzu kommt: Für man­che Auslandsreisen brau­chen sogar Geimpfte einen Test, auch hier ist also kein Vorteil erkennbar…

Geldprämien sind kontraproduktiv

Stattdessen ertönt jetzt aller­or­ten der Ruf, die Impfbereitschaft durch Geld- oder Sachprämien zu stei­gern. Das könn­te indes nach hin­ten los­ge­hen: Wer ohne­hin ein Misstrauen gegen die Vakzine hegt, könn­te ein sol­ches Bestechungsgeld erst recht als Indiz dafür wer­ten, dass damit etwas nicht stimmt. Die Parallele zu kli­ni­schen Studien liegt auf der Hand. „Aus ethi­schen Gründen“, erläu­tert etwa das Universitätsklinikum Leipzig, gebe es für die Teilnahme an sol­chen Untersuchungen kein Geld. Einzige Ausnahme sind Phase-I-Studien, wenn also völ­lig uner­prob­te Medikamente zum aller­ers­ten Mal auf gesun­de Patienten los­ge­las­sen wer­den. Auch hier gilt also: Geld gibt es nur für Dinge, die als beson­ders ris­kant gel­ten. Wer noch halb­wegs bei Trost ist, lässt sich davon nicht ver­lei­ten. Er wird an einer sol­chen Studie nur teil­neh­men, wenn er selbst krank ist und sich den Zugang zu neu­en Wirkstoffen erhofft. Oder weil er den medi­zi­ni­schen Fortschritt för­dern will, oft auch, weil er Betroffene per­sön­lich kennt…

Impfen im Supermarkt könnte helfen

Kein Wunder also, dass vor allem sozi­al benach­tei­lig­te Gruppen wie Geringverdiener oder Migranten bis­lang durch nied­ri­ge Impfquoten her­vor­ste­chen. Fragte man Bundes- oder Landespolitiker in den zurück­lie­gen­den Monaten, was sie dage­gen zu tun gedäch­ten, nuschel­ten sie irgend­et­was von Broschüren auf Türkisch oder Arabisch, die sie doch längst auf­ge­legt hät­ten. Erfolgversprechender dürf­ten Initiativen wie im Plattenbaugebiet Köln-Chorweiler sein, wo schon in einer frü­hen Phase der Impfkampagne ein mobi­les Team mit dem Bus vor­fuhr, statt dar­auf zu war­ten, dass sich die Leute durch kom­pli­zier­te Anmeldeprozeduren im Impfzentrum kämp­fen…«


Wer groß tönt, Corona zum Ausgangspunkt für den Ausbau des Pharmastandorts Deutschland zu machen, wer sich als Exportweltmeister der „Impfstoffe“ fei­ert, wer das Thema von Anfang an markt­wirt­schaft­lich ein­ge­tü­tet hat, der darf sich nicht über die beob­ach­te­ten Reaktionen wun­dern. Da bei vie­len Menschen der Glaube an das furcht­erre­gen­de Virus fort­ge­bro­chen ist (wenn auch nicht voll­stän­dig), blei­ben für den Augenblick nur Sommerschlußverkaufs-Angebote. Deren Erfolg ist durch­aus unge­wiß. Mit Bangen wird die Bundesregierung beob­ach­ten, was aus dem letz­ten ver­füg­ba­ren Mittel wird, der Impfpflicht. Man darf gespannt sein auf Griechenland, Frankreich und Italien. Es kann gut sein, daß auch die­ser Zug abge­fah­ren ist. Zudem kann man sich eine düm­me­re Argumentation für die Beschäftigten in „sys­tem­re­le­van­ten“ Bereichen wie dem Gesundheits- und Ausbildungsbereich kaum vor­stel­len. Will man den nächs­ten Zusammenbruch organisieren?

Author: aa