„Tagesspiegel“-Irreführung ziemlich dilettantisch

1200 Wissenschaftler war­nen Großbritannien vor „unethi­schem Experiment“ ist dort am 16.7. zu lesen.

»Internationale Experten war­nen Großbritannien davor, die Corona-Restriktionen wie geplant am kom­men­den Montag, 19. Juli, auf­zu­he­ben. 1200 Wissenschaftler machen ihre Position mit einem im renom­mier­ten Journal „The Lancet“ ver­öf­fent­li­chen Brief deut­lich und spre­chen von einer Gefahr für die Welt und einem Nährboden für Virus-Varianten, gegen die die Impfstoffe nicht wir­ken.

„Wir glau­ben, dass die Regierung ein gefähr­li­ches und unethi­sches Experiment anfängt und appel­lie­ren dar­an, die geplan­ten Öffnungen zu pau­sie­ren“, heißt es in dem Brief.

„Die Welt betrach­tet die der­zei­ti­ge ver­meid­ba­re Krise, die sich in Großbritannien ent­fal­tet“, sag­te die Epidemiologin Deepti Gurdasani von der Mary University of London am Freitag beim Treffen der Wissenschaftler.

Auf Twitter schrieb sie außer­dem: „Um es klar zu machen: Wir leben in einem Land, in dem unse­re Regierung Schritte unter­nimmt, die jun­ge Menschen einem Virus maxi­mal aus­zu­set­zen, das chro­ni­sche Krankheiten mit sich brin­gen kann.“«

Bei den ledig­lich 12 UnterzeichnerInnen aus der BRD gehö­ren Frau Prof. Brinkmann und Prof. Busse zu den bekann­ten Namen. So weit, so rich­tig und unspek­ta­ku­lär. Im wei­te­ren arbei­tet der Artikel mit der inzwi­schen in der seriö­sen Diskussion obso­le­ten „Sieben-Tage-Inzidenz“ von fast 400. Sie sagt bekannt­lich nichts über Erkrankungen aus. Richtigerweise wird dann über die Belegung in den Krankenhäusern geschrie­ben, und hier wird es fakig:

»Rund 3800 Personen wer­den auf­grund einer Corona-Erkrankung in Krankenhäusern behan­delt, die Tendenz zeig­te in den ver­gan­ge­nen Wochen wie­der steil nach oben.«

Der Link ver­weist auf einen „Tagesspiegel“-Artikel vom 9.7., der die dro­hen­de Tendenz mit die­sem Tweet belegt, wie auch immer die Formulierung „nicht nur der bestä­tig­ten Fälle (!)“ zu ver­ste­hen sein soll:

twitter.com

Das dort gezeigt Diagramm ist nicht falsch. Die Zahlen wären mit dem ange­bo­te­nen linea­ren Maßstab auch so darstellbar:

ourworldindata.org

Das wirkt deut­lich weni­ger bedroh­lich. Doch selbst wenn man die im Tweet gewähl­te loga­rith­mi­sche Sicht bevor­zugt, sieht sie in einem nor­ma­len Browserfenster etwa so aus:

ourworldindata.org

Es han­delt sich um die glei­chen Daten. Ohne die hori­zon­ta­le Stauchung auf Twitter-Niveau sehen sie auch hier weni­ger dra­ma­tisch aus. Noch ent­spann­ter zeigt sich die Lage wie­der­um in der linea­ren Sicht:

ourworldindata.org

IntensivpatientInnen

»Wie aus den PHE-Daten her­vor­geht, ist auch die Zahl der Intensivpatienten seit Anfang Juni deut­lich gestie­gen – wenn auch auf noch nied­ri­gem Niveau. Demnach lagen am 7. Juli 417 Covid-19-Patienten in Beatmungsbetten – rund 45 Prozent mehr als in der Vorwoche. Noch deut­li­cher der Vergleich zu Anfang Juni: Seitdem gab es einen Anstieg um mehr als 200 Prozent.«

Immerhin wer­den zur Einordnung auch die­se Daten genannt:

»Im Januar muss­ten die bri­ti­schen Krankenhäuser täg­lich durch­schnitt­lich mehr als 4000 neue Covid-19-Patienten auf­neh­men. Den Höchststand an Patienten in Kliniken hat­te es am 18. Januar mit 39.254 gege­ben. Die meis­ten Beatmungspatienten mel­de­te die PHE am 23. Januar mit 4066.«

Der Artikel macht auf mit der rei­ße­ri­schen Überschrift „Delta-Variante brei­tet sich in Großbritannien aus – Binnen einer Woche 46 Prozent mehr Corona-Patienten in Kliniken„. Er ver­zich­tet auf die­sen Vergleich:

ourworldindata.org

Zu lesen ist:

»Auch die Zahl der Covid-19-Toten steigt zur­zeit wie­der kon­stant an – wenn auch auf ver­gleichs­wei­se nied­ri­gem Niveau. Am 31. Mai hat­te die PHE einen Todesfall gemel­det, am 8. Juli waren es 35. Insgesamt sind dem­nach in der Woche vom 2. bis 8. Juli 174 Covid-19-Tote regis­triert wor­den, fast 53 Prozent mehr als in der Vorwoche. Die meis­ten Todesfälle hat­te es in der zwei­ten Welle in den letz­ten bei­den Januarwochen mit jeweils mehr als 9000 gegeben.«

Selbst wenn es gut Gründe gibt, der Bestimmung von „Fällen“ und „Covid-19-Toten“ und deren Vergleich zu miß­trau­en: Auch die­se Daten geben wenig her für die Panikmache des „Memorandums“ der 1.200:

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Author: aa