Streit um Drosten-Dissertation kommt vor Gericht

Langsam kommt Bewegung in die­sen „Nebenkriegsschauplatz“ um die Dissertation von Christian Drosten. Auf vienna.at ist am 29.4. zu lesen:

https://www.vienna.at/streit-um-drostens-dissertation-soll-vor-gericht/6974280

»Die Promotion des deut­schen Virologen Christian Drosten steht im Mittelpunkt eines Verfahrens zwi­schen zwei auf Wissenschaftsbetrug spe­zia­li­sier­ten Personen. Der deut­sche Journalist und Chemiker Markus Kühbacher klagt dabei den Salzburger Medienwissenschafter Stefan Weber – letz­te­rer hat­te ihn in sei­nem Blog wegen Drostens Dissertation kurz­zei­tig der Verbreitung von „Fake News“ gezie­hen. Ende Juli soll in Stuttgart der Prozess beginnen.

Die Vorgeschichte des Prozesses ist durch­aus skur­ril und fußt in den Details der Promotionsordnung der Universität Frankfurt. Im Endeffekt dürf­te es in dem Verfahren auch dar­um gehen, Drosten selbst als Zeugen vor Gericht zu bringen.

Journalist Markus Kühbacher zweifelt Dissertation an

Im Sommer des Vorjahrs tauch­ten im Internet anonym Videos auf, wonach der kurz zuvor auf­grund der Corona-Pandemie ins Rampenlicht gera­te­ne deut­sche Virologe sei­nen Doktortitel zu Unrecht füh­re. Vorwurf damals: In der Uni-Bibliothek sei Drostens Dissertation nicht auf­find­bar – spä­ter wur­de nach­ge­legt, dass sie zwar mitt­ler­wei­le da sei, aber erst nach­träg­lich ein­ge­stellt wurde.

In die von Verschwörungstheoretikern und Corona-„Querdenkern“ befeu­er­te dama­li­ge Diskussion schal­te­ten sich auch Kühbacher und Weber ein. Beide kamen zu unter­schied­li­chen Schlüssen: Während ers­te­rer Drosten nach wie vor öffent­lich als fal­schen Doktor bezeich­net und die­sen des­we­gen der unbe­fug­ten Führung eines Titels zeiht, kam Weber zu einem ande­ren Ergebnis.

Plagiatsjäger Weber: Alles sauber

Dieses lau­tet unge­fähr so: Drosten habe damals drei Pflichtexemplare sei­ner Dissertation abge­ge­ben. Zwei gin­gen an den Erst- und Zweitbegutachter, die drit­te wan­der­te ins Archiv – laut der dama­li­gen Promotionsordnung habe dies gereicht, so Weber zur APA. In der Medizin habe es näm­lich die Usance gege­ben, dass die Dissertation dann nicht in die Bibliothek müs­se, wenn die Promotion auf­grund der Publikation von wis­sen­schaft­li­chen Arbeiten in Fachjournalen erfolgt sei. Dies sei bei Drosten der Fall gewe­sen: Der Mediziner habe drei Artikel in drei Fachjournalen ver­öf­fent­licht und die­se zusätz­lich dann in einer Dissertation zusammengefasst.

Hier hakt wie­der­um Kühbacher ein: In der Promotionsordnung ste­he, dass eine Veröffentlichung in einer Zeitschrift nötig sei – Drosten habe aber in drei ver­schie­de­nen publi­ziert. Außerdem wür­de sich die (deutsch­spra­chi­ge) Dissertation von den (eng­lisch­spra­chi­gen) Zeitschriften-Beiträgen unter­schei­den. Das fin­det Weber als Haarspalterei: „Mit wis­sen­schaft­li­chem Fehlverhalten Drostens hat das nichts zu tun, allen­falls mit einer unschar­fen Formulierung in der Promotionsordnung. Man müss­te den Promotionsausschuss fra­gen, ob ihm die drei Zeitschriftenbeiträge gereicht haben – und natür­lich wer­den die gesagt haben, dass ihnen die drei Aufsätze rei­chen.“ Sonst wäre ja kei­ne Promotion erfolgt.

Kühbacher klagt Weber: Drosten möglicher Zeuge

Die eigent­li­che Klage Kühbachers dreht sich aber weni­ger um die­se Fragen, son­dern um einen wei­te­ren Strang der Geschichte. Im Zuge der Diskussion um Drosten kam es zu zahl­rei­chen Anfragen auf Einsichtnahme in die Original-Dissertation, die aber aus obi­gen Gründen nicht in der Uni-Bibliothek zu fin­den war. Der Wissenschafter stell­te dar­auf­hin ein wei­te­res Exemplar zur Verfügung, weil das Original im Archiv Wasserschäden auf­wies – was wie­der­um Kühbacher genau­so wie die Existenz von Exemplaren im Archiv anzwei­fel­te. Im Folge die­ser Debatte kam es dann zum „Fake News“-Blogeintrag Webers, den er wenig spä­ter wie­der entfernte.

Nun begehrt Kühbacher von Weber Unterlassung, Schadenersatz und Schmerzensgeld – wobei der Prozess offen­bar zumin­dest auch ein Vehikel sein soll, um Drosten zumin­dest als Zeugen vor Gericht zu brin­gen. Der Virologe hat­te näm­lich auf pro­vo­kan­te Tweets Kühbachers, ihn doch für sei­ne Aussagen zu kla­gen, ein­fach nicht reagiert. Neben Drosten wur­de vom Kläger auch der deut­sche Gesundheitsminister Jens Spahn als Zeuge bean­tragt.«

Das trifft zwar nicht zu, aber eine gute Idee ist es schon.


Am 29.4. ist auf kurier.at zu lesen:

»Streit um Drosten-Dissertation: „Ich bin ein Bauernopfer“

KURIER: Sie sind wegen eines Rechtsstreits in die Schlagzeilen gera­ten, der nicht einer gewis­sen Skurrilität ent­behrt. Im Sommer 2020, inmit­ten der Corona-Pandemie, unter­such­ten sowohl Sie als auch der deut­sche Journalist und Chemiker Markus Kühbacher die Dissertation von Christian Drosten. Sie kamen zum Ergebnis, dass Drosten kein wis­sen­schaft­li­ches Fehlverhalten unter­stellt wer­den kann. Kühbacher ist ande­rer Meinung und klagt sie nun. Was kon­kret wirft Kühbacher Ihnen vor?

Stefan Weber: … Kühbacher klag­te mich, weil ich geschrie­ben habe, er – Kühbacher – habe „Fake News“ behaup­tet, näm­lich, dass Herr Drosten sei­nen Doktortitel zu Unrecht füh­re und die Universität Frankfurt, die ihn pro­mo­viert hat, die­se „Straftat“ ver­eit­le. Ich bin da nur ein Bauernopfer.

Hatten Sie Kontakt mit Dr. Drosten, der selbst als Zeuge im Juli gela­den wer­den soll – eben­so wie Gesundheitsminister Jens Spahn?
Ich habe ein ein­zi­ges E‑Mail von Christian Drosten erhal­ten. In die­sem schrieb er: „Ich habe mit­be­kom­men, dass im Internet zu mei­ner Dissertation Unsinn gestreut wird. Bitte wen­den Sie sich doch bei Fragen dazu direkt an die Uni Frankfurt.“ Das habe ich getan. Alles spricht der­zeit dafür, dass die Promotion ent­spre­chend der dama­li­gen Promotionsordnung ver­lau­fen ist. Übrigens hat natür­lich nicht das Gericht Herrn Drosten und Herrn Spahn gela­den, son­dern Herr Kühbacher hat die­se via Twitter zum Prozess „ein­ge­la­den“, wie auch Herrn Lauterbach…«


Kühbacher kon­tert so:

https://twitter.com/Kuehbacher/status/1387955718784012292

Schon am 23.4 hat­te die Stuttgarter Zeitung berichtet:

»EXKLUSIV Gerichtsstreit wegen Promotion von Virenforscher

Plagiatsjäger prozessieren um Drostens Doktortitel

Hat mit dem Doktortitel von Christian Drosten alles sei­ne Richtigkeit? Zweifeln dar­an sind zwei Experten nach­ge­gan­gen, mit unter­schied­li­chem Ergebnis. Nun ver­klagt der eine den ande­ren vor dem Landgericht Stuttgart.

Stuttgart – Als „Plagiatsjäger“ kann Stefan Weber eine Reihe von Erfolgen vor­wei­sen. Rund ein Dutzend mehr oder weni­ger pro­mi­nen­te Schummler hat der pro­mo­vier­te Medienwissenschaftler aus Salzburg schon um ihre aka­de­mi­schen Titel gebracht. Zuletzt führ­ten sei­ne Recherchen zum Rücktritt der öster­rei­chi­schen Familien- und Arbeitsministerin, in deren Dissertation er abge­schrie­be­ne Passagen und „Kauderwelsch“ moniert hatte.«

Mehr steht hin­ter der Bezahlschranke.


Zur Drosten-Dissertation sie­he neben zahl­rei­chen ande­ren Beiträgen
Wer ist Christian Drosten – und wie vie­le? und
Rechtsstreit um Lagerung der Pflichtexemplare der Dissertation von Herrn Christian Drosten.

Author: aa