„schlimmer als Corona-Leugner“

berliner-zeitung.de (20.6.)

Ich sehe die Kommentare schon vor mir, heißt die Überschrift des Interviews doch Schmidt-Chanasit: „Lockdown? Nur, wenn man eine Strategie für das Nachher hat“. Vorsorglich plä­die­re ich für Differenziertheit.

»Der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit wur­de beschimpft, weil er die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung kri­ti­sier­te. Ein Gespräch…

Schmidt-Chanasit wur­de zum Abweichler und Außenseiter erklärt. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung am Wochenende spricht er über Missverständnisse in der Pandemie, die Angriffe auf ihn, sei­ne Ostbiografie und wagt einen Ausblick auf die kom­men­den Monate.

Im Spiegel wur­den Sie zwei­mal per­sön­lich hef­tig ange­grif­fen. Einmal hieß es, Sie hät­ten die Gefahr der zwei­ten Welle ver­harm­lost, ein­mal sogar, Virologen wie Hendrik Streeck und Sie seien …

… „schlim­mer als Corona-Leugner“.

Wie ging es Ihnen, als Sie das im Winter gele­sen haben?

Das hat mich schon scho­ckiert. Vor allem die Richtung, aus der die­se Unterstellung kam. Mit der Wissenschaftsredaktion des Spiegel habe ich gut recher­chier­ten Journalismus und kei­nen Meinungsjournalismus ver­bun­den. Es war ver­blüf­fend zu beob­ach­ten, wie in der Pandemie bestimm­te Medien zu Hütern der „wis­sen­schaft­li­chen Wahrheit“ wur­den, alter­na­ti­ve Denkansätze dis­kre­di­tier­ten und damit pola­ri­sie­rend und mora­li­sie­rend auf die Gesellschaft einwirkten…

Schädigen sol­che Artikel wie im Spiegel Ihren Ruf als Wissenschaftler?

Bestimmt, klar. Aber das sagt einem nie­mand so direkt. Ich habe mir Sorgen um die Mitarbeitenden in mei­ner Abteilung gemacht, die immer vie­le Anträge auf Forschungsförderung stel­len. Meine Befürchtung war, dass sie unter eine Kontaktschuld gera­ten und man ihnen die Mittel nicht bewil­ligt. Was stand nicht alles in Artikeln über mich: Schmidt-Chanasit, der Durchseucher, der Verharmloser, ich wur­de zu den „fach­frem­den Pseudoexperten“ gezählt, den Wissenschaftsleugnern…

Die ein­sei­ti­ge Fokussierung auf die rein viro­lo­gi­schen Aspekte, mit der Konsequenz meh­re­rer Lockdowns zur Eindämmung der Pandemie, habe ich damals kri­tisch gese­hen und sehe es heu­te eben­so kri­tisch. Vor allem mit dem Wissen der dar­aus resul­tie­ren­den gesell­schaft­li­chen und wirt­schaft­li­chen Probleme und Verwerfungen. Wir haben ja nach dem ers­ten Lockdown, den ich auch unter­stützt habe, nicht mal ansatz­wei­se über Alternativen nach­ge­dacht, geschwei­ge denn, Tübingen aus­ge­nom­men, Modellversuche gewagt.

Ihnen wird immer wie­der ein Auftritt von Ende Oktober vor­ge­wor­fen. Damals stie­gen die Infektionszahlen, die Angst war groß. Die Ministerpräsidenten tra­fen sich, um Maßnahmen zu bera­ten. Kurz vor­her prä­sen­tier­ten Sie ein Papier gegen einen har­ten Lockdown.

Das Papier war kein Affront zu den Beschlüssen der Ministerpräsidenten. Der Wellenbrecher-Shutdown war, glau­be ich, bereits eine beschlos­se­ne Sache.

Das war ein Konzept des SPD-Gesundheitspolitikers Karl Lauterbach: Man schließt zwei Wochen Geschäfte, Restaurants, Kneipen, Schulen und Kitas blei­ben offen. Damit sol­len Infektionswellen gebro­chen wer­den, um Zeit zu gewinnen.

Und danach? Geht alles so wei­ter wie zuvor? Das ist ein Irrglaube, der sich zig­fach in ande­ren Ländern bestä­tigt hat. Man kann einen Lockdown machen, aber nur, wenn man eine Strategie für das Nachher hat. Den Leuten zu ver­spre­chen, wir machen jetzt mal alles dicht, damit ihr vier­zehn Tage spä­ter eure Freiheit zurück­be­kommt, ist unglaub­wür­dig. Wie vie­le Versprechen wur­den gemacht, die nicht ein­ge­hal­ten wer­den konn­ten: nur noch bis kurz vor Weihnachten, nur noch bis kurz vor Ostern. Nein. Es geht dar­um, gemein­sam über mög­li­che Alternativen zum Lockdown, zum Umgang mit der Pandemie, nach­zu­den­ken. Das haben mein Kollege Hendrik Streeck, der Kassenärztechef Andreas Gassen, vie­le ärzt­li­che Berufsverbände und eini­ge wis­sen­schaft­li­che Fachgesellschaften gefordert…

Warum war die Kritik so heftig?

Ich kann es Ihnen nicht sagen. Ich habe lan­ge dar­über nach­ge­dacht, war­um unser Papier als ein Angriff auf den Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie ver­stan­den wur­de. Es gab ja auch kein Gespräch mit uns, kein Interesse an einem Gedankenaustausch. Die gan­ze Reaktion wirk­te wie ein belei­dig­tes Sich-Abwenden, Ignorieren. So ein Verhalten hat­te ich unter Wissenschaftlern bis dahin noch nicht erlebt.

Der ein­fluss­rei­che Chefvirologe der Charité, Christian Drosten, hat sich in einem lan­gen Interview im Magazin Republik dar­über beklagt, dass die Forscher, die Minderheitenpositionen in der Pandemie ver­tre­ten, also auch Sie, in den Medien zu viel Raum bekom­men. Es han­de­le sich um „False Balance“, eine fal­sche Ausgewogenheit. Was sagen Sie dazu?

Was ist denn die Mehrheitsmeinung? In mei­ner Wahrnehmung beka­men Wissenschaftler wie Karl Lauterbach, Christian Drosten mit sei­nem Podcast viel­fäl­tigs­te Möglichkeiten, sich häu­fig und in unter­schied­lichs­ten Medien zu äußern. Es gab welt­weit anders gewich­te­te Strategien als in Deutschland im Umgang mit der Pandemie, durch­aus wis­sen­schaft­lich begrün­de­te. In Schweden haben sich Wissenschaftler auf Grundlage Ihrer Erkenntnisse für einen ande­ren Weg als den deut­schen entschieden.

In Schweden gab es kaum Verbote, nur Empfehlungen. In Deutschland wur­de der schwe­di­sche Weg abge­lehnt und hef­tig kritisiert.

Wissen Sie, das ist das, was ich als arro­gant emp­fin­de. Dieses „Wir wis­sen das bes­ser und nun macht das mal auch so“. Wir sind auch Suchende, Lernende. Und ich gucke immer mit Interesse auf die Lösungsansätze ande­rer Länder, so sehr wir uns auch in den geo­gra­fi­schen, sozia­len und kul­tu­rel­len Strukturen unterscheiden…

Wer soll­te über Schulschließungen befinden?

In jedem Fall auch Pädagogen, Kinderärzte, Psychologen, Experten aus einem brei­ten Spektrum. Die Virologie kann nur einen klei­nen Beitrag leis­ten. Selbst die oft zitier­te Preprint-Studie von Christian Drosten über die Viruslast im Rachen von Kindern ist für solch eine Entscheidungsfindung nur sehr begrenzt hilf­reich gewesen.

Sie haben als einer der weni­gen immer für offe­ne Schulen plädiert.

Ich habe immer für Hygiene- und Testkonzepte plä­diert, dafür, dass es so lan­ge wie mög­lich Schulbetrieb vor Ort gibt, je nach Infektionsgeschehen in geteil­ten oder klei­ne­ren Klassen.

Was ist jetzt der wis­sen­schaft­li­che Stand, waren Kinder ein Treiber der Pandemie?

Es ist eine Binsenweisheit zu sagen, dass Kinder am Infektionsgeschehen teil­neh­men. Jeder nimmt am Infektionsgeschehen teil. Nach mei­ner Einschätzung der Datenlage wis­sen wir inzwi­schen, dass Infektionen eher durch Erwachsene in die Schulen getra­gen wer­den und die Kinder sich damit dort auch anste­cken kön­nen. Andersherum geschieht das eher sel­te­ner. Kinder ste­cken also nicht mas­sen­haft ande­re Menschen an, und des­we­gen soll­ten sich die Maßnahmen auch nicht auf die Kinder fokussieren…

Sie sind 1979 in Pankow gebo­ren, in Ost-Berlin auf­ge­wach­sen. Glauben Sie, dass Ihr Blick auf die Pandemie etwas mit Ihrer Ost-Sozialisation zu tun hat?

Man könn­te nur spe­ku­lie­ren, dass man viel­leicht gelernt hat, mit Risiken und Veränderungen anders umzu­ge­hen, weil man bereits eini­ge gro­ße Umbrüche erlebt hat. Die hat­ten aller­dings mehr Konsequenzen für mei­ne Eltern als für mich. Ich war erst zehn Jahre alt, als die Mauer fiel.

Haben Sie einen ande­ren Umgang mit Autoritäten?

Ich glau­be, das ist eher eine Frage des Charakters und des Temperaments. Was mir aber ganz gehö­rig auf die Nerven geht, sind unqua­li­fi­zier­te Unterstellungen. Plötzlich fin­det man sich in einer Gruppe zusam­men mit dem Rechtsaußen der CDU Hans-Georg Maaßen und den Querdenkern wie­der. Das ist mir neu­lich bei der Debatte um die Aktion #alles­dicht­ma­chen passiert.

Sie hat­ten die Videos der Schauspieler auf Twitter sehr schnell als „Meisterwerk“ bezeichnet.

Eine Stunde nach­dem die Videos online waren, habe ich sie mir im Zug ange­se­hen. Ich hat­te den Umgang mit dem Thema so noch nie gese­hen. Einiges hat mich zum Lachen gebracht, vie­les nach­denk­lich gemacht. Das war eine spon­ta­ne Reaktion mei­ner­seits. Wie ich erfah­ren muss­te, geht das gar nicht mehr.

Haben Sie es bereut, dass Sie zu schnell get­wit­tert haben?

Ich habe mich gewun­dert über die­se unver­hält­nis­mä­ßig har­ten Reaktionen auf die gan­ze Aktion. Da war ja gleich von Berufsverboten die Rede, für Jan-Josef Liefers oder Ulrich Tukur. Und das erin­nert mich dann schon an die DDR, an den dort ein­ge­for­der­ten Meinungskanon, die­se Totschlagsfragen: Bist du für den Frieden oder dage­gen? Wer woll­te nicht für den Frieden sein? …

1990 hat sich mein Vater das Leben genom­men. Er hat erlebt, wie Kollegen, die zu DDR-Zeiten strom­li­ni­en­för­mig alles mit­ge­macht hat­ten, eine Wendung um 180 Grad hin­leg­ten und auch unter den neu­en Bedingungen pri­ma zurechtkamen.

Das muss furcht­bar für Ihre Familie gewe­sen sein.

Traurig, aber zugleich hat es mich sen­si­bi­li­siert, eine eige­ne Meinung zu haben, sie zu ver­tre­ten, auch wenn es manch­mal unbe­quem ist. Staatliche Entscheidungen nicht ein­fach hin­zu­neh­men, son­dern zu hinterfragen…

Ich wür­de mir für die Zukunft wün­schen, dass es nicht noch ein­mal zu Besuchsverboten in Alten- und Pflegeeinrichtungen kommt, wie wir es im letz­ten Jahr erlebt haben. Zu Kita- und Schulschließungen mit unauf­hol­ba­ren Bildungsdefiziten und see­li­schen Verletzungen. Dies zu ver­hin­dern, lohnt jede wis­sen­schaft­li­che Anstrengung.«

Author: aa