Droht die Impfdelle?

Diese Frage von t‑online.de am 28.6. scheint eher rhe­to­risch zu sein.

»„Viele Praxen sit­zen abends noch auf Impfstoff“
Erst waren sie heiß begehrt, jetzt erschei­nen vie­le Bürger nicht mehr zu ihrem Impftermin – dabei wer­den zwei Impfungen auf­grund der Delta-Variante noch wich­ti­ger. Geht der deut­schen Impfkampagne schon die Puste aus?…

Drei Wochen, nach­dem die Impfpriorisierung gene­rell nicht mehr befolgt wer­den muss, schei­nen immer mehr Termine grund­los auszufallen.

Bundesweit liegt die Ausfallquote laut einer Umfrage des „Tagesspiegel“ aktu­ell zwi­schen einem und sechs Prozent. Bei deutsch­land­weit etwa 800.000 Impfungen pro Tag könn­ten also Tausende Termine ausfallen.

Doppelte Buchungen die Ursache?

Besonders vie­le Ausfälle ver­zeich­net offen­bar Mecklenburg-Vorpommern. Dort liegt die soge­nann­te „No-Show-Rate“ – also die Quote von Patienten, die ohne Grund nicht zu ihrem Termin erschei­nen – zwi­schen 15 und 40 Prozent. In Hessen liegt sie bei 20 Prozent, in Nordrhein-Westfalen bei sechs Prozent…«

Die kon­stru­ier­te Ausrede, „die gehen zum Hausarzt“, bricht auch zusammen:

»Situation „teilweise dramatisch“

Die Hausärzte kla­gen aller­dings eben­falls über aus­ge­fal­le­ne Termine. „Absagen oder No-Shows neh­men auch in den Hausarztpraxen zu“, sag­te der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. „Teilweise dra­ma­tisch“ nennt Wolfgang Kreischer, Vorsitzender des Hausärzteverbandes in Berlin-Brandenburg, die Situation im Gespräch mit t‑online. In sei­ner Praxis fal­le etwa die Hälfte der Termine momen­tan aus. Ähnliches höre er auch von sei­nen Kollegen: „Viele Praxen sit­zen abends noch auf Impfstoff.“

Kreischer bringt auch eine wei­te­re Ursache ins Spiel: Die aktu­ell nied­ri­gen Infektionszahlen könn­ten in Deutschland dazu füh­ren, dass vie­le Bürger momen­tan kei­nen Wert auf einen Impfschutz legen. „Viele war­ten gera­de ab. Denn die Gefahr ist nicht so evi­dent“, meint der Hausarzt. Für die Praxen und Impfzentren sei die Impfbummelei aller­dings pro­ble­ma­tisch: Momentan kön­ne Kreischer noch über Wartelisten die Termine mög­lichst schnell ande­ren Patienten anbie­ten, aller­dings wer­de die Liste immer klei­ner. Bald könn­te es also so weit kom­men, dass Impfstoff unge­nutzt ver­nich­tet wer­den muss…«

Wenn viele zum „Impfen“ kommen, kommen viele zum „Impfen“

Das hat – wer sonst? – ein Mathematiker ausgerechnet:

»An eine ähn­li­che Impfdelle [wie in GB und den USA, AA] wegen abge­sag­ter Termine glaubt Christian Hesse, Leiter der Abteilung für Mathematische Statistik an der Universität Stuttgart, nicht – vor­aus­ge­setzt, die Impfbereitschaft blei­be in der Bevölkerung wei­ter hoch: „Absagen wären dann ein Problem, wenn sie zum Beispiel dar­auf zurück­zu­füh­ren wären, dass der pro­zen­tua­le Anteil der Impfskeptiker und ‑ver­wei­ge­rer um zehn bis 20 Prozentpunkte zuneh­men wür­de“, sag­te Hesse der „Bild“-Zeitung.«

Die Bundesregierung hat das mit Angebot und Nachfrage noch nicht verstanden:

»Mehr Impfstoff angekündigt

Auch in der Bundesregierung scheint wei­ter Optimismus vor­zu­herr­schen. Dort geht man eher von einer Beschleunigung der Impfkampagne aus. Jens Spahn sag­te etwa am Samstag, man kön­ne jedem Erwachsenen wohl bis Ende Juli eine Erstimpfung anbie­ten. Damit liegt er weit vor den Prognosen der Bundeskanzlerin. Angela Merkel hat­te bis­lang immer erklärt, dass jede Bürgerin und jeder Bürger bis zum Ende des Sommers am 21. September ein Impfstoffangebot erhalte.

Der erwar­te­te zusätz­li­che Schub für die Impfkampagne kommt daher, dass der US-Hersteller Moderna laut Gesundheitsministerium im drit­ten Quartal deut­lich mehr Dosen lie­fern will als bis­lang ange­kün­digt. Im Juli sol­len pro Woche statt 733.000 nun jeweils 1,33 Millionen Dosen kom­men, im gan­zen Monat 5,32 Millionen, im August 10,28 Millionen und im September 14,5 Millionen…

Doch was hel­fen mehr Impfdosen, wenn die Termine nicht mehr wahr­ge­nom­men wer­den? Auch Virologe Christian Drosten sprach in sei­nem Podcast mit dem NDR zuletzt davon. Es wer­de wohl „die nächs­te gro­ße Aufgabe sein“, die Bürger zu ermah­nen, ihre Impftermine wahr­zu­neh­men. Andere Länder schaf­fen bereits Anreize, um die Bürger zum Impfen zu moti­vie­ren. So will Griechenland allen 18 bis 25-Jährigen künf­tig pro Erstimpfung einen Gutschein im Wert von 150 Euro schen­ken.«

Es ist halt Pandemie…

Dazu paßt die Information auf welt.de vom 25.6.:

»Noch 10.000 freie Corona-Impftermine – letzter Aufruf für Prio-Gruppen

Nun ist es wohl auch bald in Hamburg so weit: Am Freitagmittag star­te­te die Gesundheitsbehörde den letz­ten Aufruf für Corona-Impfungen der Priorisierungsgruppe 3. Alle Berechtigten wer­den gebe­ten, einen Termin im Impfzentrum zu vereinbaren.

Hintergrund ist offen­bar, dass der Run auf die Impfungen inner­halb die­ser Gruppe zurück­ge­gan­gen ist. Am Dienstag hat­te die Behörde 52.000 Impftermine frei­ge­schal­tet, von denen am Freitag noch 10.000 zur Verfügung stan­den…«

Hier lau­tet die Ausrede: „Die sind bestimmt schon alle geimpft, uns feh­len nur die Daten“.

Den Uni-Angestellten will der Senat AstraZeneca andre­hen. Die wol­len eher nicht:

»Nach Streit: Uni-Beschäftigte können sich mit AstraZeneca impfen lassen

Gute Nachrichten gibt es für die Beschäftigten der Universität Hamburg: Nach der Absage der Corona-Impfungen mit einem mRNA-Impfstoff wie Biontech/Pfizer kön­nen sich die Beschäftigten der Universität Hamburg nun mit AstraZeneca imp­fen las­sen. Noch bis ein­schließ­lich Sonntag könn­ten Termine gebucht wer­den, teil­te die Universität am Freitag auf Anfrage mit. Die Erstimpfungen sei­en für kom­men­den Montag und Mittwoch sowie für den Montag dar­auf geplant. Die Zweitimpfungen sol­len dann am 30. August sowie 1. und 6. September erfolgen.

Ursprünglich hat­ten sich 2200 der rund 7000 Beschäftigten der Universität für eine Impfung mit Biontech oder Moderna ange­mel­det. Nach der Absage die­ser Impfaktion hät­ten bis­lang 161 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einen AstraZeneca-Termin gebucht…«

Die „gute Nachricht“ wird offen­bar nicht so gese­hen. Ach ja:

»In Hamburger Krankenhäusern wur­den nach Angaben der Gesundheitsbehörde mit Stand Donnerstag 41 Covid-19-Patienten behan­delt. Auf den Intensivstationen lagen 19 Corona-Kranke.«

Author: aa