Die „Welt“ schießt sich auf Drosten ein

Wenn inzwi­schen selbst in der Heiligen Katholischen Kirche an Hierarchien gerüt­telt wird und ein leib­haf­ti­ger Kardinal bekun­det, sie sei an einem „toten Punkt“ ange­langt, wird es für die Medien wahr­lich Zeit, end­lich an der Unfehlbarkeit des Virologen-Papstes zu zwei­feln. Den Anfang macht am 10.6. ein Kommentar auf welt.de (Bezahlschranke):

»Die Mehrheit und die Wahrheit

Immer wie­der betont Christian Drosten, wis­sen­schaft­li­che Minderheitenpositionen bekä­men zu viel Aufmerksamkeit. Dadurch ent­stün­de eine „fal­sche Balance“. Das aber ist ein Mythos – und zugleich ein sehr unwis­sen­schaft­li­cher Gedanke, wie Drostens eige­ne Position in einer wich­ti­gen Frage zeigt.

… Schon in sei­nem Podcast vom 31. März 2021 hat­te Drosten die­se „fal­se balan­ce“ beklagt, dort in direk­tem Bezug zu einer Stellungnahme der Kassenärztlichen Vereinigung, an der auch sei­ne Kollegen Jonas Schmidt-Chanasit und Hendrik Streeck mit­ge­wirkt hat­ten. Dort hat­te er eben­falls behaup­tet, dass sol­che „abso­lu­ten Minderheitsmeinungen“ von Leuten ver­tre­ten wür­den, die „alle nicht aus dem Fach“ sei­en, wäh­rend die Mehrheitsmeinung „häu­fig von Leuten ver­tre­ten“ wer­de, „die pro­fes­sio­nel­le Wissenschaftler sind und die neben der Medientätigkeit auch ande­re Berufstätigkeiten haben“. Da hät­te man sich natür­lich schon mal die Nachfrage gewünscht, wie das zu den durch­aus renom­mier­ten Autoren der KBV-Stellungnahme passt…

100:2

Die ers­te Frage lau­tet: Worin besteht über­haupt die wis­sen­schaft­li­che Mehrheitsmeinung? Im Falle der Pandemie lau­tet sie etwas ver­kürzt: Es gibt eine Krankheit, die durch das neu­ar­ti­ge Coronavirus aus­ge­löst wird und die vor allem bei älte­ren Menschen und bestimm­ten Risikogruppen einen schwe­ren Verlauf neh­men und sogar töd­lich sein kann. Diese Krankheit hat sich 2020 pan­de­misch über die Erde aus­ge­brei­tet. Es kommt zu Mutationen, die poten­zi­ell auch anste­cken­der und gefähr­li­cher sein kön­nen, zudem gibt es immer wie­der in ver­schie­de­nen Regionen neue Ausbrüche, die auch Gegenden betref­fen kön­nen, in denen die Pandemie bereits auf dem Rückzug ist.

Für die­se Aussagen könn­te die „100:2“-Mehrheit, die Drosten bei­spiel­haft nennt, ver­mut­lich unge­fähr zutref­fen. Aber gibt es hin­sicht­lich die­ser Aussagen wirk­lich eine „fal­se balan­ce“ in den Medien? Kommen in den Talkshows, in den Zeitungen, auf den Onlineplattformen füh­ren­der Medien wirk­lich in nen­nens­wer­ter Zahl Experten zu Wort, die die­sen Aussagen wider­spre­chen wür­den – vor allem seit Herbst 2020, für den Drosten ein Erstarken der „fal­se balan­ce“ zu beob­ach­ten meint? Im Gegenteil.

Drosten selbst ist ver­mut­lich der Wissenschaftler, der im deutsch­spra­chi­gen Raum die größ­te öffent­li­che Würdigung erfah­ren hat. Fast im Monatstakt erhielt er seit April 2020 Auszeichnungen für sei­ne Forschung und Wissenschaftskommunikation, vom Bundesverdienstkreuz ers­ter Klasse über den Grimme-Online-Award bis zur Leibniz-Medaille und der Ernennung zum Hochschullehrer des Jahres. Jede die­ser Auszeichnungen wur­de wie­der­um in den Medien aus­führ­lich gewür­digt – ein Kreislauf, aus dem nahe­zu unum­stöß­li­che Autorität erwächst. Wenn etwas eine „fal­se balan­ce“ ist, dann sicher­lich nicht, dass Drostens Einschätzungen in zu gerin­gem Maße wahr­ge­nom­men würden…

Ob es… eine Mehrheit unter den Wissenschaftlern gibt, ist schwer ein­zu­schät­zen, ins­be­son­de­re, weil sich sofort die Frage stellt, wel­che Disziplin hier rele­vant ist – wer also als Wissenschaftler zählt, des­sen Meinung dazu gefragt sein könn­te. Ob Masken wirk­lich hel­fen und ob sozia­le Distanzierung wirk­lich nötig ist, ist nicht nur von der Viruslast im Rachen einer infi­zier­ten Person abhän­gig, son­dern auch von der Reichweite und der Menge der Aerosole, die jemand beim Atmen, Sprechen und Schreien aus­stößt. Somit kön­nen Wissenschaftler ande­rer Disziplinen, etwa Aerosolforscher, über Schul- und Theaterschließungen oder Maskenpflichten auf Straßen und Wegen zu ganz ande­ren und mög­li­cher­wei­se bes­ser begrün­de­ten Schlussfolgerungen kommen…

Schließlich stellt sich aber ohne­hin die Frage, ob nicht gera­de die Minderheitsmeinungen in der Wissenschaft beson­de­ren Schutz – und damit beson­de­re Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit – brauchen…

Eine Herausforderung

Schaut man sich die Medien in ihrer gro­ßen Mehrheit an – von den öffent­lich-recht­li­chen Rundfunkanstalten bis zu den unter­schied­li­chen über­re­gio­na­len Zeitungen, von den Talkshows über die popu­lär­wis­sen­schaft­li­chen Sendungen und Podcasts bis zu den Interviews und Hintergrundartikeln – fällt auf: Es gibt kei­ne beson­de­re Aufmerksamkeit für wis­sen­schaft­li­che Minderheitsmeinungen. Wo es einen Mehrheitskonsens gibt, wird auch fast aus­schließ­lich über den Konsens berichtet.

Abweichende Meinungen in wis­sen­schaft­li­chen Fragen wer­den in den Medien und der Öffentlichkeit eher zu wenig zur Kenntnis genom­men, als dass sie zu viel Platz erhiel­ten. Der Maßstab dafür, ob eine wis­sen­schaft­li­che These in der Öffentlichkeit dis­ku­tiert wer­den soll­te, kann dabei aber ohne­hin nicht sein, ob sie in der wis­sen­schaft­li­chen Gemeinschaft mehr­heits­fä­hig ist, son­dern ob ihre Vertreter sich mit plau­si­blen Argumenten, die den betrof­fe­nen Laien ver­ständ­lich sind, gegen ande­re Ansichten behaup­ten können…

welt.de (Stand 10.6. 17:45 Uhr)

Siehe dazu auch Tausche Emil gegen Christian.


Quelle: https://t.me/spasskultur_twitter/186

Author: aa