Die Pandemie als Chance

»Berlin kämpft in der Pandemie für den „mRNA-Standort Deutschland“. BioNTech erzielt Milliardenprofite und strebt damit glo­ba­le Expansion an.
BERLIN/MAINZ(Eigener Bericht) – Die Bundesregierung nutzt den Kampf gegen die Covid-19-Pandemie, um deut­schen Biotech-Unternehmen zu einer glo­ba­len Spitzenstellung bei der mRNA-Zukunftstechnologie zu ver­hel­fen. Hauptprofiteur ist BioNTech aus Mainz: Die Firma hat auf Druck Berlins und gegen Pariser Widerstände fak­tisch ein Monopol bei der künf­ti­gen Belieferung der EU erhal­ten; ein Konkurrent aus Frankreich ging leer aus. 

Weil das BioNTech-Vakzin um ein Mehrfaches teu­rer ist als die Vakzine ande­rer Firmen, zah­len nun ärme­re EU-Mitgliedstaaten Ost- und Südosteuropas immense Summen an das deut­sche Unternehmen. Während ande­re Hersteller wäh­rend der aku­ten Phase der Pandemie zum Selbstkostenpreis lie­fern, hat BioNTech allein im ers­ten Quartal 2021 einen Reingewinn von 1,13 Milliarden Euro erzielt und nutzt dies nun für die eige­ne Expansion – abge­si­chert dadurch, dass Berlin die Freigabe der Impfstoffpatente blo­ckiert. Mit dem Aufstieg von BioNTech kann Deutschland hof­fen, eine füh­ren­de Position als Biotech-Standort zu erlan­gen. In Sachen mRNA sei es bereits, heißt es, „eines der Gravitationszentren der Welt“…

„Systemrelevante Industrien“

Im Kampf gegen die Covid-19-Pandemie ist der gro­ße Durchbruch für die mRNA-Technologie erfolgt: Mit umfang­rei­cher staat­li­cher Unterstützung – dies war not­wen­dig, um schnellst­mög­li­che Erfolge zu erzie­len – gelang es BioNTech, CureVac und Moderna, hoch­wirk­sa­me Impfstoffe zu ent­wi­ckeln. BioNTech und Moderna wer­den längst ver­impft; CureVac hofft auf die Zulassung im Juni. Die Bundesregierung hat­te BioNTech im ver­gan­ge­nen Jahr Fördermittel in Höhe von 375 Millionen Euro zuge­sagt, CureVac einen Betrag von 252 Millionen Euro; außer­dem hat­te die bun­des­ei­ge­ne Förderbank KfW im Juni 2020 für gut 300 Millionen Euro unge­fähr 23 Prozent der CureVac-Anteile über­nom­men – laut Berichten, um einer mög­li­chen Übernahme aus den USA zuvor­zu­kom­men. Die Bundesregierung hat mitt­ler­wei­le bekräf­tigt, der Beteiligung der KfW an CureVac lie­ge „ein wirt­schafts- und gesund­heits­po­li­ti­sches Interesse zugrun­de“, das sich nicht in der Impfstoffbeschaffung „erschöpf[e]“: Es sei ihr dar­um gegan­gen, „sys­tem­re­le­van­te Industrien, wie im Bereich der medi­zi­ni­schen Biotechnologie, am Standort Deutschland zu stär­ken“. Dies gelang: Deutschland sei in Sachen mRNA „eines der Gravitationszentren der Welt“, wird Peter Albiez, Deutschlandchef des Pharmariesen Pfizer, zitiert.

Das Covid-Geschäft

Dabei nutzt BioNTech die Pandemie, um sei­ne Marktposition wei­ter zu stär­ken. Während die Konzerne AstraZeneca sowie Johnson & Johnson sich ver­pflich­tet haben, zumin­dest wäh­rend der aku­ten Phase der Pandemie ihre Impfstoffe zum Selbstkostenpreis abzu­ge­ben, erzie­len BioNTech und der mit dem Unternehmen koope­rie­ren­de US-Konzern Pfizer mit ihrem Vakzin Gewinn. BioNTech hat ges­tern sei­ne Umsatzprognose für 2021 von knapp zehn auf 12,4 Milliarden Euro erhöht und schließt eine wei­te­re Steigerung dank neu­er Impfstoff-Lieferverträge nicht aus. 2020 hat­te der Jahresumsatz noch bei nur 28 Millionen Euro gele­gen. Allein im ers­ten Quartal 2021 konn­te BioNTech bei einem Umsatz von 2,05 Milliarden Euro einen Reingewinn von 1,13 Milliarden Euro erzie­len. Der Jahres-Reingewinn wird zur Zeit auf „min­des­tens sechs bis sie­ben Milliarden Euro“ geschätzt; BioNTech wür­de damit zum „ertragsstärkste[n] deutsche[n] Pharmaunternehmen“. Darüber hin­aus sind auch für die Zeit nach 2021 schon „hohe Umsätze aus dem Covid-19-Geschäft vor­ge­zeich­net“, stellt ein Fachjournalist fest: „Das Covid-Geschäft wird dem Mainzer Unternehmen auch in den kom­men­den Jahren enor­men Rückhalt“ geben – nicht zuletzt „für die Expansion“…

„Vorsprung sichern“

Der mRNA-Standort Deutschland pro­fi­tiert dabei davon, dass chi­ne­si­sche Pharmakonzerne die Entwicklung eines mRNA-Impfstoffs zunächst zuguns­ten erprob­ter Technologien zurück­ge­stellt haben und der ers­te chi­ne­si­sche mRNA-Impfstoff erst im Mai in die drit­te Testphase geht: Die deut­sche Branche, mit der US-ame­ri­ka­ni­schen gleich­auf, hat also noch einen Vorsprung. Um ihn nicht in Gefahr zu brin­gen, blo­ckiert die Bundesregierung die Freigabe der Impfstoffpatente. Würden jetzt „unkon­trol­liert Produktionsstätten ent­ste­hen“, dann „hät­te auch die Konkurrenz aus Russland und China Zugriff auf die Methode“, heißt es dazu: Damit „könn­ten die west­li­chen Unternehmen einen gro­ßen Teil ihres Vorsprungs verspielen“.[10] Kanzlerin Angela Merkel hat daher auf dem jüngs­ten EU-Gipfel Ende ver­gan­ge­ner Woche die Blockade der Patentfreigabe durch­ge­setzt – zur Stärkung des mRNA-Standorts Deutschland.«

Das ist am 11.5. zu lesen auf german-foreign-policy.com. Dort gibt es auch die Quellenangaben.

Author: aa