Die Katastrophe, die ausfiel

Auf welt.de ist am 17.5. hin­ter der Bezahlschranke zu lesen, wie Karl Lauterbach & Co. sich in der BRD so ver­hal­ten, wie es für Großbritannien beschrie­ben wird in Der Einsatz von Angst zur Verhaltenskontrolle in der Covid-Krise war ‚tota­li­tär‘, geben Wissenschaftler zu:

»Kurz vor dem Ende des ZDF-Talks „Maybrit Illner“ am 15. April mel­de­te sich noch ein­mal Karl Lauterbach zu Wort…

Der Altersdurchschnitt der Corona-Intensivpatienten lie­ge mitt­ler­wei­le bei nur noch 47, 48 Jahren, erklär­te er: „Das sind Menschen, die mit­ten im Leben ste­hen. Das ist eine Tragödie. Da ver­lie­ren vie­le Kinder der­zeit ihre Eltern.“ Angesichts des­sen kön­ne er nicht ver­ste­hen, dass immer noch debat­tiert und nicht end­lich gehan­delt wer­de: Das ver­ste­he „auch kein Mediziner, Intensivmediziner oder Epidemiologe“.

Lauterbachs Aussagen erreich­ten an jenem Abend ein Millionen­publikum. Waren es bis zum Start der Impfkampagne und dem Auftreten der Virusmutanten ganz offen­sicht­lich vor allem alte Menschen, die Corona zum Opfer fie­len, kämpf­ten dem­nach nun die Jungen auf den Intensivstationen um ihr Leben. „Uns läuft die Zeit davon“, sag­te Lauterbach, ein Verfechter von repres­si­ven Maßnahmen zur Eindämmung von Infektionen, noch.

Bloß: Das, was Lauterbach zum Alter der Intensivpatienten von sich gab, war falsch; die Leute sind deut­lich älter. Die Aussagen des SPD-Politikers rei­hen sich ein in eine lan­ge Liste von Behauptungen, Warnungen und Modellierungen, die im Kampf gegen die drit­te Covid-19-Welle die per­fek­te Drohkulisse für har­te Grundrechtseinschränkungen bil­de­ten – sich aber als unzu­tref­fend erwie­sen. Wie konn­te das passieren?

Kurz nach dem Auftritt machte Deutschland dicht

In der Woche nach Lauterbachs Auftritt bei „Maybrit Illner“ ver­ab­schie­de­te der Bundestag die Reform des Infektionsschutzgesetzes, inklu­si­ve der soge­nann­ten Bundesnotbremse. Während ande­re EU-Staaten Öffnungen in die Wege lei­te­ten, mach­te Deutschland dicht…

Fakt ist: Anders als Lauterbach behaup­te­te, waren Anfang Mai nur zwölf Prozent der Intensivpatienten unter 50. Die größ­te Altersgruppe stell­ten mit 31,4 Prozent die 60- bis 69-Jährigen dar, die zweit­größ­te die 70- bis 79-Jährigen mit 27,2 Prozent. Das zeig­te eine erst­ma­li­ge Veröffentlichung der RKI-Zahlen Anfang Mai…

„Die Modelle beschrei­ben, was pas­siert wäre, wenn unse­re Maßnahmen zur Bekämpfung des expo­nen­ti­el­len Wachstums nicht gewirkt hät­ten. Die kla­re Kommunikation die­ser Gefahren hat mit dazu bei­getra­gen, dass sich die Bevölkerung vor­sich­ti­ger ver­hal­ten hat. Sie waren daher nicht falsch, son­dern wirk­sam.“ Karl Lauterbach, zu WELT AM SONNTAG

Auch ande­re Aussagen Lauterbachs zur Pandemie-Entwicklung wur­den weit ver­brei­tet. Bei Twitter, wo ihm mehr als eine hal­be Million Menschen fol­gen, teil­te er am 25. März eine Modellierung von Kai Nagel, Professor für Verkehrssystemplanung an der Technischen Universität Berlin, zum wei­te­ren Verlauf der Pandemie. Der Mann lei­tet das vom Bundesforschungsministerium finan­zier­te Projekt „Modellgestützte Untersuchung von Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19“, er spricht als Experte im Parlamentarischen Begleitgremium zur Corona-Pandemie im Bundestag.

Nagel sag­te als Worst Case eine Inzidenz von deut­lich über 2000 für den Mai hin­aus – sofern Schulen und Kindergärten nach den Osterferien geöff­net wer­den und das dama­li­ge Aktivitätsniveau der Bevölkerung sowie das Impftempo gleich blieben.

Mit drei Tests pro Bürger und Woche sei eine Inzidenz von knapp über 1200 mög­lich, mit här­te­ren von der Politik ver­ord­ne­ten Einschränkungen im bes­ten Fall eine Inzidenz von 500. Lauterbach bezog sich allein auf die­sen schlimms­ten annehm­ba­ren Fall, er schrieb bei Twitter: „Wir brau­chen daher die Ausgangssperre ab 20 Uhr.“ Und: „Wir brau­chen jetzt Erfolg, kein Zögern.“

Eineinhalb Monate spä­ter liegt der Wert in Deutschland nun unter 100, der höchs­te Wert war Ende April mit 169 erreicht wor­den. Ob die Mobilität der Menschen durch die Ausgangssperre zurück­ging, ist umstrit­ten. Auf Anfrage von WELT AM SONNTAG reagiert Nagel zunächst nicht, auf Nachfrage erklärt er, aus tech­ni­schen Gründen habe ihn die Anfrage zu spät erreicht.

Der „Spiegel“ schrieb: Katastrophe voraus

Er war nicht der Einzige, der dane­ben lag. Der „Covid-19-Simulator“ des Saarbrücker Pharmazieprofessors Thorsten Lehr sag­te Ende März für den Fall, es wür­den kei­ne wei­te­ren Maßnahmen ergrif­fen, eine Inzidenz von 456 vor­aus. Der „Spiegel“ berich­te­te dar­über, er schrieb „Katastrophe vor­aus“ über sei­ne Grafik. Am 24. April, als die Bundesnotbremse in Kraft trat, lag die Inzidenz bei 164 – dem Modell nach hät­te sie bei 346 lie­gen müssen…

Der „Spiegel“ war es auch, der im März einen noch här­te­ren Lockdown gefor­dert und geschrie­ben hat­te, man müs­se not­falls noch „Wochen oder Monate im Bunker ausharren“.

Mediziner wür­den war­nen, „dass im Mai zwi­schen 12.000 und 25.000 Corona-Patienten auf den Intensivstationen um ihr Leben kämp­fen müss­ten“. Schreckensprognosen wie die­se waren bis zur Verabschiedung des neu­en Infektionsschutzgesetzes oft zu hören, auch RKI-Chef Wieler und Charité-Chefvirologe Christian Drosten warn­ten vor 100.000 Neuinfektionen am Tag.

„Dass die­je­ni­gen, die die­se Angstmeldungen ver­brei­ten, spä­ter erklä­ren, die Sorge vor dem Eintreffen der Prognose hät­te schon dis­zi­pli­nie­ren­de Wirkung gehabt, wes­halb das schreck­li­che Szenario nicht ein­ge­tre­ten sei, ist ziem­lich bil­lig. Mit solch einer Erklärung müs­sen die Prognosen nie stim­men. Die Schreckensverbreiter haben sowohl Recht, wenn das Szenario ein­tritt als auch, wenn es nicht ein­tritt.“ Wolfgang Kubicki zu WELT AM SONNTAG

Stets wur­de dabei mit der Gefahr durch die Mutante B.1.1.7 argu­men­tiert. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach „von einer im Grunde neu­en Pandemie“. Aber die Trendumkehr begann schon vor dem Inkraftreten der Notbremse. Das Infektionsgeschehen hat sich beru­higt, wie in allen ande­ren EU-Ländern sin­ken die Fallzahlen kon­ti­nu­ier­lich – har­te Maßnahmen hin oder her…«

Author: aa