Berliner Zeitung: #allesdichtmachen ist „Tiefpunkt der Debattenkultur“

Es ist nur ein Kommentar und damit nicht die Meinung der Zeitung, was am 4.5. dort zu lesen ist:

»Berlin – Sie haben sich nichts dabei gedacht, nicht nach­ge­dacht oder alles durch­dacht. Man weiß es nicht. Oder viel­leicht weiß man es doch? Über die umstrit­te­ne Internet-Kampagne der Schauspielerinnen und Schauspieler #alles­dicht­ma­chen wur­de schon viel geschrie­ben und gesagt – und noch so viel könn­te dar­über gesagt und geschrie­ben werden.«

Und das tut die Autorin, wenn dabei auch wenig Originelles vor­kommt: „Ich bin fest davon über­zeugt, dass sie bis zum letz­ten Wort orches­triert war. 

»Die Kampagne hat etwas Einschneidendes. Vielleicht stellt sie sogar den Tiefpunkt der Debattenkultur in Deutschland dar, zumin­dest steht sie sym­bo­lisch für ein weit­aus grö­ße­res Problem in unse­rer Gesellschaft. Wir leben in einem Zeitalter, in dem Artikel nicht mehr gele­sen wer­den, son­dern nur Überschriften und Vorspänne zäh­len. Es wird geteilt, gefälscht, falsch ver­stan­den, es wer­den aus Berichten die pas­sen­den Statements her­aus­ge­grif­fen, aus­ge­schmückt, zuge­spitzt und über die sozia­len Medien in die Welt gesetzt. In einer welt­wei­ten Pandemie, wo die Gesundheit aller auf dem Spiel steht, ist das fatal und zieht einen gewis­sen Kaskadeneffekt nach sich. Nichts ande­res ist mit der Netz-Kampagne #alles­dicht­ma­chen passiert.

Verbreitung von Alternativen, die eigentlich keine sind

„Wenn wis­sen­schaft­li­che Tatsachen unab­hän­gig vom Kontext prä­sen­tiert wer­den, führt das zu einer Art Tatsachenfetischismus, der es dann leich­ter macht, eine Allianz mit dem Umlauf von Meinungen ein­zu­ge­hen“, bringt die Literaturwissenschaftlerin Nicola Gess es auf den Punkt. Genannt wird dies auch False Balance, fal­sche Balance. Wenn ich bei­spiels­wei­se schrei­be, dass das Coronavirus gar nicht so gefähr­lich ist, wie immer behaup­tet wird, dies mit Aussagen von Virologen unter­füt­te­re, die dazu eine kla­re Minderheitenmeinung haben, ver­brei­te ich Alternativen, die eigent­lich kei­ne sind.«

Der Autorin fällt kei­nes­wegs auf, daß die Literaturwissenschaftlerin bei ihrem intel­lek­tu­el­len Salto Mortale abstürzt. Nach mona­te­lan­gem Predigen des „Hört auf die Wissenschaft!“ (anstatt auf die „Querdenker“) nun das genaue Gegenteil, die Warnung vor einem „Tatsachenfetischismus„. WissenschaftlerInnen mit einer „kla­ren Minderheitenmeinung“ kön­nen prin­zi­pi­ell kei­ne Alternativen auf­zei­gen. Eine der­ar­tig gro­tes­ke Umdeutung des Begriffs „Wissenschaft“ ist bemerkenswert.

»Längst geht es nicht mehr um die Frage, ob wir nicht mehr in der Lage sind, ande­re Meinungen aus­zu­hal­ten. Auch nicht dar­um, ob es heut­zu­ta­ge „ver­bo­ten“ sei, Kritik aus­zu­üben, son­dern dar­um, in einem ver­gif­te­ten Diskurs die eige­ne Weltanschauung durch­zu­bo­xen. Und die­se Scheindiskussionen gibt es nicht nur bei har­ten wis­sen­schaft­li­chen Themen, wie bei der Wirksamkeit der Corona-Impfstoffe, son­dern ins­be­son­de­re bei den poli­ti­schen Entscheidungen zur Eindämmung der Pandemie. Bei #alles­dicht­ma­chen bedient man sich eines Narrativs, das man aus der Querdenker-Szene kennt. Völlig undif­fe­ren­ziert, aus dem Kontext geris­sen, ohne Alternativen. Nach einer Recherche von Netzpolitik.org woll­te Volker Bruch, einer der Initiatoren der Kampagne, in die Corona-Protest-Partei „Die Basis“ ein­tre­ten. Eine Nähe zur Querdenker-Bewegung hat­ten die Beteiligten vehe­ment von sich gewie­sen. Tja.«

Genau. Die Auffassung von Volker Bruch kön­nen nur falsch sein, weil er angeb­lich in eine fal­sche Partei ein­tritt. Er und die ande­ren SchauspielerInnen knech­ten die Öffentlichkeit, indem sie mit Scheindiskussionen die eige­ne Weltanschauung durch­bo­xen. Damit ist die Lage in den Medien doch hin­rei­chend beschrie­ben. Tja.

Was nicht wahr ist

»Einer der Schauspieler fin­det, dass die Medien in der Pandemie zu unkri­tisch geblie­ben sind und die Corona-Maßnahmen unwi­der­spro­chen wie­der­ge­ge­ben wor­den sei­en – was nicht wahr ist.«

Auch hier: tja.

»Die Aktion hät­te auch ganz anders aus­se­hen kön­nen, wenn den Schauspielerinnen und Schauspielern wirk­lich etwas an der eigent­li­chen Kritik gele­gen hät­te. Sie hät­ten sich gemein­sam und vor allem kon­struk­tiv zu den Corona-Maßnahmen äußern kön­nen, sie hät­ten dar­auf auf­merk­sam machen kön­nen, wie eine gan­ze Branche in der Pandemie zugrun­de geht, hät­ten jun­ge Kulturschaffende in den Fokus rücken kön­nen. Vielleicht sogar mit einer Spendenaktion? In ihrer pri­vi­le­gier­ten Position hät­ten sie damit etwas Sinnvolles getan in der Pandemie. Stattdessen scheint für eini­ge die Genugtuung zu rei­chen, sich im Netz prä­sen­tie­ren zu dür­fen. Und dadurch unwei­ger­lich – ohne Konsequenzen davon­zu­tra­gen – viel Schaden anzurichten.«

Ist es nicht empö­rend, daß SchauspielerInnen sich prä­sen­tie­ren dür­fen?


Die glei­che Autorin hat­te sich – nicht in einem Kommentar – für kom­men­de „Impfungen“ von Kindern begeis­tert, mit dem unfrei­wil­lig ent­lar­ven­den Titel „Corona-Impfung: Sind bald Kinder an der Reihe?„. Im Februar hat­te sie in „Es reicht, lie­be Freunde der Grundrechte“ die ver­meint­lich ehren­rüh­ri­ge Formulierung von der „Berliner Hutmacherin Rike Feurstein“ auf­ge­grif­fen und gleich Heribert Prantl mit niedergemacht:

»Die selbst ernann­ten Verfechter der Grundrechte for­dern unter ande­rem, dass es in der Pandemie nicht nur um die Gesundheit der Bürger gehen sol­le, son­dern auch um die Gesundheit der Demokratie. Einen Ausweg will Jurist und Journalist Heribert Prantl erkannt haben: Er fin­det, dass das Coronavirus in das gesell­schaft­li­che und pri­va­te Leben inte­griert wer­den muss. Soziale Distanz sei zu über­win­den, denn davon lebe die Demokratie. Diese Meinung fin­det vie­le Anhänger. Ich fra­ge mich aller­dings: Und was ist mit der Ansteckungsgefahr? „Akzeptieren, dass das Leben sterb­lich ist, mit gesun­dem Optimismus, der Bedrohung zum Trotz!“, lau­tet die Antwort.

Anhänger die­ser Denkweise erhe­ben sich nicht nur über all die Menschen, die nach einem schwe­ren Covid-19-Verlauf gestor­ben sind oder heu­te noch mit schwe­ren Langzeitfolgen zu kämp­fen haben. Sie zei­gen auch, dass sie seit einem Jahr wenig von den Auswirkungen des töd­li­chen Virus mit­be­kom­men haben. Dass für sie Freiheiten deut­lich wich­ti­ger sind als das Recht auf kör­per­li­che Unversehrtheit und das Recht auf Leben.«

Damit sind sie wohl eine Art von Mördern.

Author: aa